Das komplette Interview zum Nachlesen:
Welche Herausforderungen prägen die Schulraumplanung heute?
Simone: Schulraumplanung beschäftigt viele Gemeinden aktuell besonders stark. Ein wichtiger Grund ist die demografische Entwicklung. Die Bevölkerung wächst, es gibt mehr Schülerinnen und Schüler und damit steigt auch der Bedarf an geeigneten Flächen.
Gleichzeitig verändert sich die Schule als System. Unterricht, Betreuung und gesellschaftliche Erwartungen entwickeln sich weiter. Themen wie schulergänzende Betreuung, Tagesschule und ganztägige Nutzung stellen Schulen und Gemeinden vor neue Fragen: Wie kann ein Schulareal so geplant werden, dass Unterricht, Betreuung, Bewegung, Rückzug und Verpflegung sinnvoll zusammenspielen?
Moderne Schulraumplanung muss deshalb mehr leisten als zusätzliche Klassenzimmer bereitzustellen. Sie muss das gesamte Areal, die Abläufe im Schulalltag und die zukünftige Entwicklung der Schule berücksichtigen.
Wo entstehen Probleme, wenn Architektur und Pädagogik nicht zusammenpassen?
Simone: Der Raum soll die Nutzung unterstützen und nicht umgekehrt.
Wenn Architektur und pädagogisches Konzept nicht zusammenpassen, entsteht im Alltag ein Spagat. Lehrpersonen müssen ihren Unterricht an Räume anpassen, die dafür eigentlich nicht geeignet sind. Gleichzeitig sollen sie den Lehrplan erfüllen, moderne Lernformen ermöglichen und jene Kompetenzen fördern, die Kinder und Jugendliche für ihr späteres Leben brauchen.
Gute Schulraumplanung fragt deshalb nicht zuerst: Wie sieht das Gebäude aus? Sondern: Was soll in diesen Räumen passieren? Erst wenn klar ist, wie Unterricht, Zusammenarbeit, Bewegung, Rückzug und Betreuung funktionieren sollen, kann Architektur wirklich wirksam werden.
Warum ist die Phase 0 in der Schulraumplanung so wichtig?
Simone: Viele Bauprojekte starten formal mit der Phase 1, also mit strategischer Planung, Vorstudien und Vorprojektierung. Für Schulen ist jedoch die Phase 0 entscheidend. Sie liegt vor der eigentlichen Bauplanung und klärt die wichtigste Frage: Wie wird an dieser Schule gelehrt und gelernt?
In der Phase 0 geht es um das pädagogische Konzept, die Nutzung der Räume und die zukünftige Entwicklung der Schule. Erst daraus lassen sich konkrete Anforderungen an Raumgrössen, Zonen, Möblierung, Akustik, Erschliessung und Flexibilität ableiten.
Wer diese Grundlagen sorgfältig erarbeitet, schafft eine bessere Basis für Architektur, Verwaltung, Machbarkeitsstudien und spätere Wettbewerbe. Die Phase 0 verhindert, dass ein Gebäude geplant wird, das zwar ästhetisch überzeugt, aber im Schulalltag nicht optimal funktioniert.
Für Gemeinden und Schulleitungen ist sie deshalb ein wichtiger Hebel, um Investitionen langfristig sinnvoll einzusetzen.
Welche Rolle übernehmen Fachexpertinnen und Fachexperten in der Phase 0?
Simone: Zwischen Pädagogik und Architektur braucht es eine gute Übersetzung. Genau diese Schnittstelle geht in Bauprojekten häufig vergessen.
Eine externe Fachperson kann helfen, das pädagogische Konzept in konkrete räumliche Anforderungen zu übersetzen. Dazu gehören Fragen wie: Welche Lernformen sollen möglich sein? Welche Zonen braucht es? Wie flexibel müssen Räume nutzbar sein? Welche Möblierung unterstützt den Unterricht? Wo braucht es Rückzug, Bewegung oder Zusammenarbeit?
Neben der fachlichen Expertise spielt auch die Ressourcenfrage eine grosse Rolle. Schulleitungen sind bei Bauprojekten stark eingebunden, haben aber gleichzeitig ihr Tagesgeschäft zu führen. Je nach Grösse des Projekts kann eine externe Begleitung deshalb entlasten und dafür sorgen, dass zentrale pädagogische Anliegen nicht verloren gehen.
Eine professionelle Begleitung in der Schulraumplanung hilft, Entscheidungen fundierter zu treffen und spätere Fehlplanungen zu vermeiden.
Was unterscheidet klassische Schulzimmer von modernen Lernumgebungen?
Simone: Das klassische Schulzimmer mit Wandtafel vorne, Lehrperson im Zentrum und 24 Tischen in Reihen stammt aus einer Zeit, in der Unterricht vor allem auf Wissensvermittlung ausgerichtet war. Für diese Form des Unterrichts war das Raumkonzept damals nachvollziehbar.
Heute hat sich Schule jedoch verändert. Natürlich bleibt die Vermittlung von Sachkompetenzen wichtig. Gleichzeitig geht es um überfachliche Kompetenzen, Zusammenarbeit, Selbstständigkeit, Kommunikation, Kreativität und Problemlösung.
Ein Raum, der ausschliesslich auf Frontalunterricht ausgerichtet ist, unterstützt diese Anforderungen nur begrenzt. Moderne Lernumgebungen schaffen deshalb verschiedene Möglichkeiten: konzentriertes Arbeiten, Gruppenarbeit, Bewegung, Präsentation, Rückzug und flexible Nutzung.
Gute Schulraumgestaltung bedeutet nicht, alte Konzepte grundsätzlich schlechtzureden. Es geht darum, Räume im Kontext heutiger Anforderungen weiterzuentwickeln.
Wie unterstützen flexible Lernumgebungen den Lehrplan 21?
Simone: Der Lehrplan 21 legt nicht nur fachliche Kompetenzen fest, sondern betont auch überfachliche Fähigkeiten. Dazu gehören etwa Zusammenarbeit, Selbstorganisation, Kommunikation und selbstständiges Lernen.
Flexible Lernumgebungen können diese Kompetenzen gezielt unterstützen. Sie ermöglichen kooperative Lernformen, unterschiedliche Arbeitssettings und mehr Bewegung im Unterricht. Schülerinnen und Schüler können je nach Aufgabe allein, zu zweit, in Gruppen oder im Plenum arbeiten.
Auch die Individualisierung spielt eine wichtige Rolle. Nicht alle Kinder lernen gleich, nicht jede Aufgabe braucht dieselbe Umgebung. Eine durchdachte Schulraumplanung schafft deshalb Räume, die verschiedene Lernformen zulassen und nicht nur eine einzige Unterrichtssituation abbilden.
So wird der Raum selbst zu einem pädagogischen Werkzeug.
Wie gelingt Schulraumplanung bei bestehenden oder denkmalgeschützten Gebäuden?
Simone: Auch bei Bestandsbauten bleibt die zentrale Frage gleich: Welches pädagogische Konzept soll in diesen Räumen gelebt werden?
Danach wird geprüft, was innerhalb der bestehenden baulichen Struktur möglich ist. Bei denkmalgeschützten Schulhäusern oder älteren Gebäuden sind die Eingriffsmöglichkeiten oft begrenzt. Trotzdem lässt sich viel erreichen, wenn bestehende Räume sorgfältig analysiert und kreativ weitergedacht werden.
Spannend sind dabei oft Zonen, die bisher wenig genutzt wurden, etwa Gangbereiche oder Übergangszonen. Gleichzeitig müssen Themen wie Brandschutz, Erschliessung, Akustik und Sicherheit berücksichtigt werden.
Gute Schulraumplanung im Bestand heisst deshalb nicht, alles neu zu bauen. Es geht darum, vorhandene Strukturen besser zu nutzen und mit klugen Lösungen mehr pädagogische Qualität zu schaffen.
Wie bleibt bei Schulbauprojekten das Kind im Zentrum?
Simone: Schulhäuser können schnell zu Prestigeprojekten werden. Sie sehen architektonisch beeindruckend aus, gewinnen vielleicht Preise, erfüllen aber nicht immer die Anforderungen des Schulalltags.
Damit das nicht passiert, braucht es Mut und Beharrlichkeit von Schulleitungen, Behörden und Projektverantwortlichen. Das Kerngeschäft der Schule muss in jeder Phase präsent bleiben: Lernen, Entwicklung, Beziehung, Betreuung und Alltagstauglichkeit.
Ein Schulhaus ist kein Selbstzweck. Es ist ein Ort, an dem Kinder, Jugendliche und Lehrpersonen viele Stunden pro Tag verbringen. Räume beeinflussen Konzentration, Wohlbefinden, Zusammenarbeit und Lernfreude.
Deshalb sollte bei jeder Entscheidung gefragt werden: Unterstützt diese Lösung den Alltag der Schule? Hilft sie den Kindern? Entlastet sie die Lehrpersonen? Fördert sie gute Lernbedingungen?
Wenn diese Fragen konsequent gestellt werden, bleibt die Schulraumplanung nah an den Menschen, für die sie gemacht wird.
Was braucht es, damit mutige Schulraumprojekte gelingen?
Simone: Erfolgreiche Projekte entstehen oft dort, wo Schulleitung und Behörden gemeinsam Verantwortung übernehmen. Es braucht Menschen, die eine klare pädagogische Haltung vertreten und bereit sind, diese auch gegenüber Gemeinde, Politik und Bevölkerung zu erklären.
Wenn Schulleitung und Entscheidungsträger gemeinsam hinter einem Konzept stehen, entsteht Vertrauen. Dann können auch mutigere Lösungen umgesetzt werden, etwa flexible Lernlandschaften, neue Raumkonzepte oder eine bewusst andere Nutzung bestehender Flächen.
Nicht zu unterschätzen ist auch die Wirkung auf Lehrpersonen. Schulen sind Arbeitgeberinnen. Wenn Führungspersonen zeigen, dass sie gute Rahmenbedingungen schaffen wollen, stärkt das die Motivation, Identifikation und Zusammenarbeit im Team.
Mut in der Schulraumplanung zahlt sich aus, wenn er fachlich begründet ist und das pädagogische Ziel klar bleibt.
Welche Wirkung können Farben und Atmosphäre in Lernräumen haben?
Simone: Ein eindrückliches Beispiel aus der Praxis zeigt, wie stark Raumgestaltung wirken kann. Simone Meyer begleitete ein Farbkonzept für eine Schule. Ursprünglich sollten einige Räume einfach weiss gestrichen werden. Stattdessen entschied sich die Schule, bewusster über Farbe und Atmosphäre nachzudenken.
Nach den Sommerferien kamen die Schülerinnen und Schüler in die neu gestalteten Räume zurück. Ein Schüler beschrieb die Wirkung sinngemäss so: Es sei schön ruhig im Raum und die Atmosphäre zum Arbeiten sei ganz anders.
Genau darum geht es bei guter Schulraumgestaltung. Wenn Kinder einen Raum betreten und sich wohlfühlen, ist eine wichtige Grundlage für Lernen geschaffen. Atmosphäre, Farben, Akustik, Licht und Möblierung sind keine Nebensache. Sie beeinflussen, wie konzentriert, sicher und offen Kinder lernen können.
Fazit: Schulraumplanung beginnt mit dem Lernen
Moderne Schulraumplanung beginnt nicht mit dem Grundriss, sondern mit dem pädagogischen Konzept. Wer gute Lernräume schaffen will, muss zuerst verstehen, wie Unterricht heute funktioniert und welche Anforderungen Schulen in Zukunft erfüllen müssen.
Die Phase 0 ist dabei ein entscheidender Schritt. Sie verbindet Pädagogik, Architektur, Verwaltung und Praxis. Sie hilft, Fehlplanungen zu vermeiden und Räume zu entwickeln, die im Alltag wirklich funktionieren.
Ob Neubau, Umbau oder Bestandsprojekt: Gute Schulräume unterstützen Kinder, Jugendliche und Lehrpersonen. Sie ermöglichen flexible Lernformen, schaffen Orientierung, fördern Wohlbefinden und machen Schule zukunftsfähig.















