Das komplette Interview zum Nachlesen:
Warum ist ein stimmiges Raumkonzept für Schulen oft so schwierig?
Simone: Viele Schulen starten bei der Planung ihrer Lernräume zu schnell mit der Möblierung. Es geht dann sofort um Fragen wie: Welche Tische brauchen wir? Welche Stühle passen? Welche Möbel sollen in den Raum?
Genau hier lohnt es sich, einen Schritt zurückzugehen. Ein gutes Raumkonzept beginnt nicht bei der Einrichtung, sondern bei der pädagogischen Idee. Zuerst sollte geklärt werden:
- Wie möchte die Schule unterrichten?
- Welche Lernformen sollen möglich sein?
- Welche Rolle spielen Gruppenarbeit, Rückzug und Projektarbeit?
- Welche Räume unterstützen diese Ziele wirklich?
Wenn das pädagogisch-didaktische Konzept klar ist, kann daraus ein passendes Nutzungs- und Ausstattungskonzept entstehen. Erst danach wird sichtbar, wie die Lernräume konkret aussehen sollen.
Was passiert, wenn Architektur vor der pädagogischen Nutzung geplant wird?
Wenn zuerst gebaut oder geplant wird, bevor die Nutzung geklärt ist, entsteht oft keine Katastrophe, aber eine verpasste Chance.
Dann dient der Raum nicht mehr der Nutzung. Vielmehr muss sich die Nutzung an den vorhandenen Raum anpassen. Lehrpersonen, Schülerinnen und Schüler arbeiten dann mit Grundrissen, Flächen oder Möblierungen, die nicht ideal zu ihrem Schulalltag passen.
Darum sollte vor Wänden, Grundriss und Einrichtung zuerst die zentrale Frage beantwortet werden: Was soll in diesem Raum passieren?
Ein starkes Raumkonzept sorgt dafür, dass Architektur, Ausstattung und Lernumgebung die pädagogische Arbeit unterstützen.
Was gehört zu einem Nutzungskonzept für Lernräume?
Ein Nutzungskonzept klärt, was auf den vorhandenen Flächen geschieht. Es verbindet das pädagogische Konzept mit der konkreten Raumplanung.
Dabei geht es unter anderem um folgende Fragen:
- Wo braucht es offene Lernbereiche?
- Wo sind geschlossene Räume sinnvoll?
- Wie spielen verschiedene Räume zusammen?
- Welche Flächen dienen Rückzug und Konzentration?
- Wo findet Austausch und Zusammenarbeit statt?
- Welche Ausstattung unterstützt die gewünschte Nutzung?
Ergänzend dazu braucht es ein Ausstattungskonzept. Dabei geht es noch nicht um konkrete Produkte, sondern um Funktionen. Ein Möbelstück muss nicht einfach schön aussehen. Es muss im Lernraum eine klare Aufgabe erfüllen.
Welche Vorteile hat ein klares Raumkonzept im Zusammenhang mit dem Lehrplan 21?
Der Lehrplan 21 beschreibt, welche Kompetenzen Schülerinnen und Schüler entwickeln sollen. Damit diese Kompetenzen im Schulalltag gefördert werden können, braucht es passende Lernräume.
Der Raum wird oft als dritter Pädagoge bezeichnet. Das ist nicht nur ein schönes Bild, sondern im Schulalltag sehr konkret spürbar. Räume beeinflussen, ob Kinder selbstständig arbeiten, gemeinsam Probleme lösen, sich zurückziehen oder kreativ tätig werden können.
Ein gutes Raumkonzept unterstützt deshalb nicht nur die Organisation des Unterrichts. Es hilft auch dabei, überfachliche Kompetenzen, Zusammenarbeit, Selbstständigkeit und kreatives Denken zu fördern.
Wie läuft die Planung von der pädagogischen Idee bis zur Umsetzung ab?
Der Ablauf hängt stark von der Schule und der Projektgrösse ab. Wenn bereits klare pädagogische Grundlagen vorhanden sind, kann die Übersetzung in den Raum schneller erfolgen.
Typischerweise läuft die Planung in mehreren Schritten:
- Pädagogisch-didaktisches Konzept klären
- Nutzung der Lernräume definieren
- Anforderungen an Ausstattung und Möbel festlegen
- Raumplanung, Grundrisse und Flächen entwickeln
- Farben, Materialien und konkrete Einrichtung bestimmen
Entscheidend ist die Reihenfolge. Es geht zuerst darum, was ein Raum ermöglichen soll. Erst danach wird entschieden, welche Möbel, Materialien oder Farben dafür passend sind.
So entstehen Lernräume, die nicht zufällig eingerichtet wirken, sondern aus der pädagogischen Arbeit heraus geplant sind.
Welche Bereiche braucht ein moderner Lernraum?
Ein Lernraum sollte nicht als starrer Zonenplan verstanden werden. Schule funktioniert selten so, dass eine Zone immer nur für eine einzige Tätigkeit genutzt wird. Trotzdem gibt es zentrale Elemente, die in einem modernen Raumkonzept berücksichtigt werden sollten.
Wichtig sind vor allem drei Bereiche:
1. Rückzug und Stille
Schülerinnen und Schüler brauchen Orte, an denen sie konzentriert arbeiten können. Dazu gehören akustische Ruhe und visuelle Ruhe.
2. Haptisches Arbeiten
Kinder und Jugendliche sollen mit Materialien arbeiten, gestalten, bauen und ausprobieren können. Diese Form des Lernens wird in modernen Lernräumen immer wichtiger.
3. Kollaboration und Austausch
Gruppenarbeiten, Gespräche und gemeinsame Projekte brauchen passende Flächen. Diese Bereiche dürfen lebendig sein, sollten aber andere Lernformen nicht stören.
Ein gutes Raumkonzept kombiniert diese Elemente flexibel. Der Raum soll unterschiedliche Lernformen ermöglichen, ohne überladen zu wirken.
Wie viel Platz brauchen Rückzug, Gruppenarbeit und haptisches Lernen?
Eine fixe Prozentzahl gibt es nicht. Der Bedarf hängt von der Schulstufe, dem pädagogischen Profil und den räumlichen Möglichkeiten ab.
In der Primarschule gelten andere Anforderungen als in der Sekundarstufe. Eine Schule mit stark projektorientiertem Unterricht braucht andere Lernräume als eine Schule mit eher klassischen Unterrichtsformen. Auch der Aussenraum kann eine wichtige Rolle spielen.
Grundsätzlich sollte Stillarbeit aber nicht das alleinige Zentrum der Planung sein. Ein modernes Raumkonzept besteht nicht aus 24 Einzelarbeitsplätzen. Der Schwerpunkt liegt oft auf flexiblen Bereichen für:
- Zusammenarbeit
- Plenum
- Projektarbeit
- Rückzug
- handlungsorientiertes Lernen
Gerade bei begrenzten Flächen ist es wichtig, Räume mehrfach nutzbar zu denken.
Warum ist haptisches Arbeiten heute so wichtig?
Haptisches Arbeiten gewinnt in Schulen an Bedeutung. Begriffe wie Makerspace oder Maker Education zeigen, dass viele Schulen nach neuen Formen des praktischen Lernens suchen.
Der Grund liegt auch im Lehrplan 21. Überfachliche Kompetenzen spielen eine wichtige Rolle. Schülerinnen und Schüler sollen lernen, Aufgaben anzugehen, Ziele zu verfolgen, auszuprobieren, zu scheitern und neue Lösungswege zu entwickeln.
Genau das lässt sich in haptischen Lernumgebungen besonders gut erleben. Wer mit den Händen arbeitet, macht Lernprozesse sichtbar. Kinder entwickeln Strategien, testen Ideen und merken, dass Fehler Teil des Lernens sind.
Ein haptischer Bereich ist deshalb mehr als ein Bastelort. Er ist ein wichtiger Bestandteil moderner Lernräume.
Wie kann Maker Education in Schulen umgesetzt werden?
Maker Education kann sehr unterschiedlich aussehen. Es braucht nicht zwingend einen grossen separaten Makerspace. Entscheidend ist, dass haptisches Lernen sinnvoll in den Unterricht integriert wird.
Früher waren Bereiche wie Handarbeit, textiles Werken und Holzwerken oft klar getrennt. Heute geht die Entwicklung stärker in Richtung Verbindung dieser Bereiche. Unterschiedliche Materialien, Techniken und digitale Werkzeuge können gemeinsam genutzt werden.
So entstehen Lernräume, in denen Schülerinnen und Schüler gestalten, tüfteln, bauen, testen und reflektieren. Das klassische Denken in einzelnen Fächern tritt stärker in den Hintergrund. Im Zentrum stehen Kompetenzen und Erfahrungen.
Für Schulen ist das eine grosse Chance. Wer haptische Lernformen bewusst plant, schafft Lernräume, die Kreativität, Selbstständigkeit und Problemlösefähigkeit fördern.
Fazit: Ein gutes Raumkonzept beginnt nicht bei den Möbeln
Ein wirkungsvolles Raumkonzept startet nicht mit der Frage nach Tischen, Stühlen oder Farben. Es beginnt mit der Frage, wie Lernen an einer Schule stattfinden soll.
Wenn Pädagogik, Nutzung und Ausstattung zusammengedacht werden, entstehen Lernräume, die im Alltag funktionieren. Sie ermöglichen Rückzug, Austausch, Projektarbeit und haptisches Lernen.
Für Schulen, Schulleitungen und Planungsteams bedeutet das: Wer früh in ein klares Raumkonzept investiert, schafft langfristig bessere Lernumgebungen und vermeidet teure Fehlplanungen.










